Der Platzbedarf oder unser Verhältnis zum Platz

 

Wie nehmen wir Platz wahr? Welchen Stellenwert hat er für uns?

 

Definieren wir zuerst "gross" und "klein"

 

Klein ist weniger und kürzer...kleiner eben. Klein ist kompakt und begrenzt. Ein kleines Handy ist wohl praktischer dafür ist der Bildschirm zu klein um bequem die Medien zu geniessen. Kleine Wohnungen sind günstig, mann hat jedoch zu wenig Platz um sein Hab und Gut zu verstauen. In kleinen Taschen hat es weniger Platz. Ein kleiner Akku bedeutet weniger lang Strom. Ein kleiner Speicher hat weniger Platz für Fotos.

Klein ist einfach weniger.

 

Wie sieht es mit gross aus? Wenn etwas gross ist, dann hat es mehr Platz, also mehr drin, oder mehr davon. Gross ist viel oder länger, irgendwie ist gross positiv. Grosse Autos sind schöner und wertvoller, haben mehr Ausstattung. Eine grosse Wohnung ist geräumiger und heller und hat zum Beispiel zwei Bäder. Grosse Fernseher bieten mehr Bild und somit Erlebnis. Grosse Koffer und Taschen, grosser Speicherplatz, grosser Akku. Grosser Weihnachtsbaum, grosses Bier und so weiter. Wir können generell sagen, dass Gross und Klein Begriffe sind welche unser Wert-System bedienen. Gross ist besser als Klein.

Wir als Raum-Bewohner

Ursprünglich diente uns das Habitiat als Schutz vor Witterung und wilden Tieren, boht Schatten im Sommer und Wärme im Winter und war Lagerplatz für das Hab und Gut sowie die Lebensmittel.

In Europa beginnen wir das Habitieren in unserem Kinderzimmer, welches sich vorwiegend in einer Wohnung oder in einem Haus befindet. Es dient uns alls Spielzimmer, Rückzugsort, Lagerraum für unsere Spielsachen, manchmal als Straf-Raum, Fantasiewelt oder Alptraum-Raum. Wird dann zum Konferenzzimmer der Clique, Lernzimmer, Zufluchtsort, Liebesnest der ersten Liebe und zum Schluss Lagerplatz der Spielsachen und Fragmente der Pubertät. Dies alles während ca. 20 Jahren bei einer minimalgrösse von 12 Quadratmeter.

Die erste Wohnung oder ein WG-Zimmer ist die erste Entdeckung der Unabhängigkeit und derer Konsequenzen. Unser Charakter und unsere Prägung durch die Eltern und Jugend beginnt sich zu manifestieren, materialisieren und wird sichtbar. Wir beginnen uns einzurichten, teilen die Räume auf und deponieren unsere ersten Errungenschaften oder Trophäen und deklarieren unser sein. Was man braucht kommt dorthin wo man es am meisten verwendet. Es gibt den Putzschrank, den Geschirrschrank, Kleiderschrank, Schuhschrank, das Bücherregal, den Schreibtisch, den Esstisch und die Anrichte, die Stube mit Sofa und TV-Möbel, den Spiegelschrank sowie die Garderobe. Nicht zu vergessen der Keller. Dort sind dann die Wintersachen, Sportgeräte, Schachteln und natürlich das von dem man sich nicht trennen kann oder muss, weil man noch Platz hat. Dies jetzt noch gepaart mit der eigenen Wertigkeit, beeinflusst durch die Leistungsgesellschaft und der ständigen Trophäenjagt, der Sucht nach Erfolg, finden wir uns als Wohnraumdesigner der Daseinsberechtigung in der Hoffnung das es Spuren hinterlässt und es nicht umsonst war was wir taten..........          

vielleicht etwas überspitzt aber die Idee kommt rüber :)

Wieviel Platz braucht der Mensch wenn er ent-sorgt hat ?

Vielleicht durch einen Frühjahresputz ausgelöst, begann ich die Gegenstände in meiner Wohnung in Bedarfs und in Nice-to-Have einzuteilen. Dabei fiel der Haufen der Bedarfsgegenstände einiges kleiner aus als der Anderen. Ich setzte mich daraufhin mit dem grösseren Haufen auseinander und versuchte zu ergründen aus welcher Motivation und welchem Beweggrund ich die einzelnen Gegenstände anschaffte respektive immer noch besass. Naja, es taten sich Abgründe auf. Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, jedoch muss ich hierzu sagen, dass dieser Prozess rund einen Monat dauerte (auf ein Jahr verteilt)........und ich hatte ent-sorgt.

 

Der kleine und bekannte Selbstversuch:  Überprüft mal welche Gegenstände ihr seit mehr als einem Jahr nicht mehr in der Hand hattet und dann die, welche ihr ein halbes Jahr nicht mehr in der Hand hattet. .... Vielleicht habt ihr dann noch einen Entsorgungs-Gutschein rumliegen, dann müsst ihr nicht zweimal laufen.

Alles hat seinen (neuen) Platz

Aus meiner 3 1/2-Zimmer Wohnung mit 73 m2 fand über eine Tonne den Weg in die Entsorgung.

 

Ich richtete mich neu ein. Verstaute mein übriges Hab und Gut in den Einbauschränken im Korridor, Bad und in der Küche. An Möbeln besass ich noch folgende: Bett, Kleiderschrank, Bettsofa, Stubentisch, Schreibtisch, Kommode, Hocker sowie Esstisch mit Stühlen.

 

Spätesten jetzt werden die Stimmen laut die da sagen du hast keine Kinder, bist Weise, niemand hat dich Lieb, nicht einmal ein Hund,......und auch in diesem Bereich des Lebens kann man ent-sorgen.

Fest steht, dass auch ich einen Esstisch für sechs Personen hatte und Kochen kann....hatte dem entsprechend natürlich auch Töpfe, Pfannen, Geschirr, Reiskocher, Backbleche ( behaupte den besten Marmorkuchen der Welt zu backen), Mixer und sogar eine Bettgarnitur für das Gästebett mit ausreichend Handtüchern. Nur mein Leben fand anders statt. Ich war der, der meine Freunde besuchte, da ich zu denen gehörte die Besuchen während andere nur immer Besuch haben. Auch treffe ich sie oft auswärts im Pub, Park, zum Sport, Kino u.s.w. . Selbst als ich in einem knapp 7 Tonnen schweren und 25 Quadratmeter grossen Wohmi mit Slid-outs wohnte, die Sorte von Wohnmobilen welche die meisten nicht einmal von weitem zu sehen bekommen, bewegte meinen Bekanntenkreis nicht dazu mich zu besuchen. Da weisst du was du hast. Warum soll ich also ein Gasthaus betreiben, wenn die Hütte nur zweimal im Jahr voll ist.

 

So fanden viele Gegenstände einen neuen Platz. So waren die Winterklamotten nicht mehr in einem Karton im Keller, auch der Haarföhn nicht mehr im Bad sondern in der Küche und bei den Tellern und Tassen lagen jetzt auch gleich Handtücher oder Bücher. Die Küche mit den vielen Einbauschränken wurde so zu sagen Multi-Kulti. Die Gegenstände wurden nicht in Zimmer-Kontinente oder in Schrank-Länder unterteilt, sondern die Küche wurde Inter-Material.

Der Weg war umsonst

Nun hatte ich neben dem Schreibtisch, der Kommode und dem Kleiderschrank im Schlafzimmer also nur noch den Spiegelschrank im Bad, einen Einbauschrank im Korridor und die in der Küche...keinen weiteren Stauraum.

Somit stand das Kinderzimmer so wie der Keller leer und ich fragte mich ob es dann noch Sinn macht, bei einem Wohnzimmer von 36m2 welches halb leer stand, wegen dem Bett und dem Kleiderschrank noch ins Schlafzimmer zu müssen.

Jetzt stand der Weg offen für die klassischen Männerträume, Billardzimmer und Filmzimmer. Aber ich wusste ja zu diesem Zeitpunkt was Mann nicht braucht.

Der Weg war somit umsonst wenn man ins Kinder- oder Schlafzimmer ging.

Abschliessend

So ein Prozess geht natürlich nicht ganz spurlos an einem vorbei. Man geht ja auch ein Stück zurück in die Vergangenheit. Alte Zeichnungen, Schulzeugnisse, Liebesbriefe, Bewerbungsschreiben, Abschlussprüfungsarbeiten, alte Skianzüge und so weiter tauchen plötzlich wieder auf. Viele der Gegenstände stehen für eine Phase oder Situation in der man sich befand. Da gibt's den Berufswechsel, eine Beziehung, Leistungssport, Weiterbildungen, Auslandaufenthalt oder Wohnortswechsel.

 

Ich hatte eine Schatztruhe, welche voll mit Erinnerungsgegenständen respektive Belege meiner Vergangenheit war.

Die Truhe selbst war der Koffer mit dem meine Mutter zu jener Zeit  in die Schweiz kam, die so schwer war, dass man ihn nur bewegen konnte wenn man ihn ausräumte. Bilder, Fotos, Schulbücher, Auszeichnungen, VHS Videokassetten, 8mm Filmrollen und sogar Accessoires des Armeedienstes waren in diesem Koffer.

 

Auch heute besitze ich eine Schatztruhe auf die Grösse reduziert der Dinge welche ich nicht digitalisieren konnte. Zu diesem Zeitpunkt an dem ich begann diese Zeilen zu schreiben überkam mich eine Gewissheit welche vielleicht nur in meiner Version der Realität wahr ist. Ich stelle fest das die digitalisierten Erinnerungen die sind welche ich am schnellsten vergesse. Wahrscheinlich bedingt durch die Gewissheit, dass sie gespeichert sind. Das bringt mich dazu mich an die Dinge aus meiner Vergangenheit zu erinnern welche nicht mit einem Hinweis aus der Schatztruhe oder dem USB-Stick belegt sind. Und ich stelle fest, dass die Truhe und der USB-Stick nur einen Bruchteil meiner Vergangenheit abdecken.

Es ist doch so, dass wenn ich aus der Vergangenheit einen Beleg meiner Leistungen erhalte, wie zum Beispiel ein Zeugnis einer abgeschlossenen Ausbildung, dann muss ich zuerst den passenden Job suchen und mich dann für diese Stelle auch bewerben zu können. Ich muss also in der Gegenwart aktiv werden um aus der Vergangenheit eine mögliche Zukunft zu gestalten.

 Somit, auch wenn die Vergangenheit ein Teil von uns ist und uns im Handeln beeinflusst, so sind wir doch nur die Menschen welche sich durch Taten definieren...im Hier und Jetzt.

 

Was es bei mir verändert hat war das Kaufverhalten. Ich hinterfrage jetzt ob es ein Frust-Kauf ist oder eine Schnäppchenjagd, Jagdtrophäe oder ob ich nur meine Kaufkraft bestätigt sehen will, oder sogar Shopping-Entzugserscheinungen sind weil ich an das Geld-Ausgeben gewohnt bin.

Das Geld steckt nicht mehr so locker in der Brieftasche. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit eines Kaufes über 50% liegt, überlege ich mir wie oft ich den Gegenstand brauchen werde, respektive welchen Gegenstand er ersetzt da jetzt auch der vorhandene Platz ein Thema ist. 


Zum Thema Shopping noch zwei interessante Sendungen von SFR3 Input:

Oh du seliger Shoppingwahn: 365 Tage Sale

Highspeed-Shopping: Wahn oder Notwendigkeit?